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Auf den Kerguelen versumpft

Badisches Tagblatt 2. August 2011

Die Dienstreise des jungen Werkstattleiters für die Mercedes-Vertretung in Madagaskar, die wir auszugsweise veröffentlichen, fing schon gar nicht gut an: "Bei der Einschiffung erfuhr ich, dass die komplette Reise, ohne Verbindung zu Europa oder auch nur Madagaskar, zirka drei Monate dauern würde. Ich war natürlich total platt, denn jetzt erst sagte man mir, dass nach den Kerguelen die Reise weiter geht, zunächst nach Terre Adelie in der Antarktis, dann zur Insel Saint Paul und schließlich zur Insel Nouvelle Amsterdam, wo ich das zweite Fahrzeug abliefern müsse. (...) Wie sollte meine zurückgelassene Frau mit dem Neugeborenen eine so lange Zeit ohne Nachricht verkraften? Ich war dabei den ganzen Kram hinzuwerfen", berichtet Wilfried Erb.

Dann ließ er sich "überzeugen", die Reise anzutreten: Ein Daimler-Funktionär machte ihn darauf aufmerksam, "die Reise auf die Kerguelen sei Teil meines dreijährigen Arbeitsvertrags. Außerdem hätte ich dann nicht nur die Rückreise selbst zu bezahlen, sondern auch die Anreise. Damals kostete der Flug Paris-Tananarive rund 5000 Mark! Ich biss in den sauren Apfel."

Nach einer an sich schon kuriosen Schiffreise kam Erb endlich auf den Kerguelen an. "Als besonders wichtige Aufgabe wurde ich angewiesen, eine vom Hauptlager 13 Kilometer entfernte seismographische Station anzufahren. Speziell für deren Versorgung war der Unimog angeschafft worden und der Präfekt versicherte mir auch, dass die Anschaffung von weiteren Unimog vom Gelingen dieser Fahrt abhängt."

Die Hinfahrt nach Molloy an der Küste entlang verlief reibungslos, sieht man von See-Elefanten ab, die immer wieder den Weg versperrten. Doch vor der Rückfahrt setzte die Flut ein, der Rückweg am Meer entlang war nicht mehr möglich. Der 13 Kilometer lange Landweg bestand vor allem aus Moränenfeldern und Sümpfen an den Ausläufern der Gletscher. "Diese Sümpfe waren bedeckt durch das grüne Caena-Gras und man erkannte sie erst als Sümpfe, wenn man drinsteckte."

In einem besonders tiefen Loch war die Fahrt dann zu Ende: "Mein französischer Partner sprang mit einem Aufschrei aus dem Fahrzeug und er versank sofort bis zu den Knien im Morast. Er erwischte die Pritsche des Unimog, zog sich heraus und schrie mir nur noch durch das Verdeck zu ,Sortez vite vite' - schnell, schnell raus!

Bis zu den Hüften im schwarzen Morast

Es war allerhöchste Zeit. (....) Ich kletterte durch das Klappverdeck auf die Pritsche. Da der Unimog auch mit den Hinterrädern einsackte, sprangen wir in den Morast und sanken sofort bis zu den Hüften in den Schlamm. Wie wir wieder auf festen Boden kamen, weiß ich nicht mehr. Wir standen schwarz mit Morast bedeckt, bei zirka fünf Grad plus und Wind von 60 bis 80 km/h drei oder vier Meter hinter dem langsam versinkenden Unimog. Und es fing an zu dämmern!

Beide wurden wir uns schlagartig bewusst, dass es ab jetzt um das pure Überleben ging. Wir waren schätzungsweise noch acht Kilometer vom Lager Port aux Françaises entfernt und die noch zu gehende Strecke war mir völlig, und meinem Begleiter fast unbekannt. Wir froren jämmerlich und marschierten wie die Wilden los. Vor allem wurde alles so schwierig, weil es inzwischen völlig dunkle Nacht wurde. (...) Wir kamen zu Fuß nicht schneller vorwärts als mit dem Fahrzeug und ich weiß nicht mehr, wie oft ich gestürzt bin und wieder im Morast gesteckt habe. Die wattierten Hosen zerrissen, beide Knie aufgeschürft, blutend und wieder mit Schlamm verschmiert, aber meine Kamera in der Tasche blieb intakt!" Inzwischen kam den beiden ein Suchtrupp etwa zwei Kilometer vor dem Lager entgegen. "Dort wurden unsere Wunden gepflegt, ein heißes Bad und ein kräftiger Schluck Bordeaux - und jetzt allmählich kam so der Gedanke auf, was wohl mit meinem Unimog dort draußen los sein könnte. Am nächsten Morgen wurde eine ganze Mannschaft mit Werkzeugen auf ein Fahrzeug mit großer Seilwinde bereitgestellt, und mit viel Mühe kamen wir auch in etwa an der Stelle an, wo ich mit dem Unimog eingesunken war. Nur - es gab keinen Unimog mehr!

Da waren noch zwei braune Wasserlöcher, aus welchen von Zeit zu Zeit eine Luftblase aufstieg, aber sonst nichts. Das Drama war für mich vollständig! Der erste große Auslandseinsatz und dann gleich ein Unimog weg und versenkt! Die Leute der Pioniereinheit, die hier stationiert waren, erklärten mir auch sofort, dass mein Unimog ,perdu pour toujours' (verloren für immer) sei.

Meine nächste Sorge war die Reaktion meiner Chefs, und es gab noch nicht einmal eine vernünftige Verbindung nach Deutschland, um meine Pleite in das Werk zu melden. Natürlich war nach dieser Geschichte an einen Anschlussauftrag nicht mehr zu denken."